GFK-Fertigungsverfahren: Wie glasfaserverstärkter Kunststoff entsteht
Zwei Bauteile, das gleiche Material, völlig unterschiedliche Eigenschaften. Wie passt das zusammen? Die Antwort steckt selten im Werkstoff selbst, sondern im Verfahren, das ihn in Form bringt. Glasfaserverstärkter Kunststoff (GFK) besteht im Kern immer aus denselben zwei Zutaten: feinen Glasfasern und einer Matrix aus Kunstharz. Ob daraus ein hochbelastbarer Träger für eine Chemieanlage wird oder ein leichter Behälter für die Fischzucht, das entscheidet die Fertigung.
Genau deshalb lohnt der Blick hinter die Kulissen. Wer versteht, wie GFK hergestellt wird, trifft bei Planung und Einkauf die treffsicheren Entscheidungen. Sie erkennen schneller, welches Profil zu Ihrer Last passt, wo sich Geld sparen lässt und woran sich Qualität festmachen lässt. In diesem Ratgeber gehen wir die wichtigsten GFK-Fertigungsverfahren der Reihe nach durch, vom kontinuierlichen Strangziehen bis zum Handlaminat.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Verfahren bestimmt die Eigenschaften: Aus identischer Faser und identischem Harz entstehen je nach Fertigung tragende Profile, glatte Sichtbauteile oder einfache Behälter.
- Die Pultrusion ist das Standardverfahren für tragende GFK-Profile wie Träger, Gitterroste und Treppen. Sie wird nach der europäischen Norm EN 13706 gefertigt.
- Welches Verfahren sinnvoll ist, hängt von drei Größen ab: Stückzahl, Geometrie und mechanischer Belastung.
Was passiert bei der GFK-Herstellung überhaupt?
GFK gehört zu den Faserverbundwerkstoffen. Das Prinzip ist schnell erklärt: Eine tragende Faser übernimmt die Last, ein Kunstharz hält die Fasern in Position und schützt sie. Die Glasfasern sorgen für Festigkeit und Steifigkeit. Die Matrix, also das umgebende Harz, verteilt die Kräfte und wehrt Chemikalien sowie Feuchtigkeit ab. Erst im Zusammenspiel entsteht der Werkstoff, den Sie aus Anlagen, Brücken und Laufstegen kennen.
Als Harz kommen meist Duroplaste zum Einsatz, also Kunststoffe, die nach dem Aushärten dauerhaft fest bleiben. Gängig sind Polyesterharz (UP), Vinylesterharz (VE) und Epoxidharz (EP). Die Fasern liegen als Rovings (Bündel aus endlosen Glasfäden), als Matten oder als Gewebe vor. Und jetzt der entscheidende Punkt: Wie diese Fasern ausgerichtet werden und wie viel Faser im Bauteil steckt, legt das Fertigungsverfahren fest. Mehr Faser in Lastrichtung bedeutet mehr Festigkeit. Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen.

Welche GFK-Fertigungsverfahren gibt es?
Den einen Königsweg gibt es nicht. Für jede Anwendung hat sich ein eigenes Verfahren etabliert. Die wichtigsten im Überblick:
- Pultrusion (Strangziehen) für tragende Profile mit gleichbleibendem Querschnitt
- Handlaminieren für Prototypen, Einzelstücke und große Bauteile
- Faserspritzen für einfache Geometrien in kleiner und mittlerer Stückzahl
- Faserwickeln (Filament Winding) für Rohre, Tanks und runde Hohlkörper
- Harzinfusion und RTM für Serienteile mit hoher Oberflächengüte
Sehen wir uns die Verfahren einzeln an. Den Anfang macht jenes, mit dem die meisten tragenden GFK-Bauteile entstehen.
Wie funktioniert die Pultrusion (Strangziehverfahren)?
Der Begriff Pultrusion setzt sich aus den englischen Wörtern „pull“ (ziehen) und „extrusion“ (Strangpressen) zusammen. Das beschreibt das Verfahren ziemlich genau: Faserstränge werden mit Harz getränkt, durch ein beheiztes Werkzeug gezogen und dabei zu einem festen Profil ausgehärtet. Der Clou ist die Kontinuität. Eine Pultrusionsanlage läuft oft wochenlang ohne Unterbrechung und liefert ein endlos langes Profil, das anschließend auf Maß gesägt wird.
Der Ablauf gliedert sich in fünf Schritte:
- Faserverstärkung einführen: Rovings, Matten oder Gewebe werden in die Anlage eingezogen. Ihre Anordnung bestimmt, ob das Profil eher längs oder auch quer belastbar ist.
- Tränken: In einer Tränkwanne durchziehen die Fasern das flüssige Harz. Erst jetzt werden Faser und Matrix zum Verbund.
- Formen und Aushärten: Das beheizte Werkzeug gibt dem Strang seinen Querschnitt und härtet das Harz aus. Was das Werkzeug vorgibt, behält das Profil bei.
- Abziehen: Ein Tandemabzug zieht das ausgehärtete Profil kontinuierlich heraus, je nach Harz und Querschnitt mit unterschiedlicher Geschwindigkeit.
- Sägen: Eine Säge trennt das Profil auf die gewünschte Länge ab.
Drei Stellschrauben entscheiden über das Ergebnis: die Faserverstärkung, das Harzsystem und das Werkzeug, das den Querschnitt definiert. Wer an diesen drei Größen dreht, baut Profile mit ganz gezielten Eigenschaften, von mechanischer Festigkeit über elektrische Isolation bis zum Brandschutz.
Und was entsteht so?
Tragende Doppel-T-Träger, Winkel- und U-Profile, Konstruktionsprofile, Gitterroste, Geländer und Treppenwangen. Sogar Bewehrungsstäbe für Beton lassen sich pultrudieren. Anders als Stahl rosten sie nicht, was bei Brücken und Infrastruktur über Jahrzehnte Instandhaltungskosten spart. Kein Wunder, dass die Pultrusion in korrosiven Umgebungen wie Kläranlagen, Chemiewerken oder Küstennähe so verbreitet ist.
Was besagt die Norm EN 13706 für tragende Profile?
Bei tragenden Bauteilen zählt nicht das Bauchgefühl, sondern der Nachweis. Hier kommt die europäische Norm EN 13706 ins Spiel. Sie legt für pultrudierte Profile mit tragender Funktion die Mindestanforderungen an Festigkeit, Steifigkeit, Toleranzen und Oberfläche fest. Die Norm unterscheidet zwei Klassen: E23 mit den strengsten Anforderungen und E17 mit etwas flexibleren Vorgaben. E23 steht für das höhere Niveau.
Für Konstrukteur:innen ist das ein echter Gewinn. Statt mit unsicheren Annahmen zu rechnen, greifen sie auf verlässliche Mindest-Kennwerte zurück, etwa bei der Auslegung von Leitern, Laufstegen oder Treppen. Achten Sie bei tragenden Profilen also auf die Klassifizierung nach EN 13706. Sie ist Ihr Sicherheitsnetz.
Wann lohnt sich das Handlaminieren?
Nicht jedes Bauteil läuft in Serie. Für Prototypen, Einzelstücke und große Formteile ist das Handlaminieren das Mittel der Wahl. Es zählt zu den ältesten und bewährtesten Verfahren im Verbundbau. Das Prinzip ist handwerklich: In eine Negativform werden Glasfasermatten gelegt und Schicht für Schicht von Hand mit Harz getränkt, oft mit Rolle und Pinsel.
Der Vorteil liegt in der Flexibilität. Sie brauchen kein teures Werkzeug und können auch sehr große oder ungewöhnlich geformte Teile fertigen, vom Behälter bis zum Bootsrumpf. Der Haken? Es ist arbeitsintensiv und die Qualität hängt stark vom Können der Mitarbeitenden ab. Für kleine Stückzahlen und Sonderanfertigungen bleibt das Handlaminat trotzdem oft die wirtschaftlichste Lösung.
Wofür eignet sich das Faserspritzverfahren?
Das Faserspritzen ist quasi der schnellere Cousin des Handlaminats. Statt Matten von Hand einzulegen, schneidet eine Spritzpistole die Glasfasern in kurze Stücke und trägt sie zusammen mit dem Harz direkt in die Form auf. Das geht zügig und passt gut zu einfachen Geometrien wie Wannen, Abdeckungen oder Gehäusen.
Weil die Fasern kurz und zufällig verteilt sind, erreicht das Faserspritzverfahren nicht die Festigkeit eines pultrudierten Profils. Für gering belastete Bauteile in kleiner bis mittlerer Stückzahl ist es aber eine flotte und günstige Option. Geht es um tragende Strukturen, greifen Sie besser zu einem Verfahren mit endlosen, gerichteten Fasern.
Was leistet das Faserwickeln (Filament Winding)?
Sie brauchen ein Rohr, einen Tank oder einen Druckbehälter? Dann führt der Weg oft über das Faserwickeln, im Englischen Filament Winding genannt. Hier werden harzgetränkte Fasern unter Spannung auf einen rotierenden Kern gewickelt, den sogenannten Dorn. Der Wickelwinkel steuert, in welche Richtung das Bauteil die größte Festigkeit bekommt.
Das Ergebnis sind rotationssymmetrische Hohlkörper mit sehr hoher Festigkeit in Umfangsrichtung. Genau das brauchen Rohre und Tanks, die innerem Druck standhalten. Für eckige Träger oder flache Roste taugt das Verfahren dagegen nicht. Jedes Werkzeug für seinen Zweck, könnte man sagen.
Wo punkten Harzinfusion und RTM?
Wenn beide Sichtflächen glatt sein sollen und die Stückzahl steigt, kommen geschlossene Formverfahren ins Spiel. Beim RTM (Resin Transfer Moulding, also Harzinjektionsverfahren) wird die trockene Faser in eine zweiteilige Form gelegt, die Form geschlossen und anschließend Harz unter Druck eingespritzt. Bei der Harzinfusion zieht stattdessen ein Vakuum das Harz durch die Faser.
Der Lohn der Mühe: Bauteile mit beidseitig glatten Oberflächen und gleichmäßiger Qualität, wie geschaffen für Serienteile. In der Verkehrstechnik entstehen so zum Beispiel die Frontmasken von Zügen. Diese Verfahren brauchen mehr Werkzeug und Vorbereitung als ein Handlaminat, zahlen sich bei höheren Stückzahlen aber aus.
Wie entstehen GFK-Gitterroste?
Gitterroste verdienen einen eigenen Blick, denn hier gibt es zwei grundverschiedene Wege. Beide führen zum Ziel, doch sie spielen ihre Stärken unterschiedlich aus.
- Gepresste Roste (molded gratings): Sie entstehen im Nasslaminatverfahren. In einer Form werden Fasern und Harz Lage für Lage zu einer engmaschigen Platte aufgebaut. Das Ergebnis ist allseitig gut belastbar und chemisch sehr widerstandsfähig, also wie gemacht für Plattformen mit Chemikalienkontakt.
- Pultrudierte Roste: Sie werden aus stranggezogenen Profilen zusammengesetzt, verklebt und verstiftet. Bei großen Spannweiten tragen sie besonders viel und biegen sich nur wenig durch.
Welcher Rost der richtige ist? Das hängt von Spannweite, Last und Umgebung ab. Bei der KBM GmbH beraten wir Sie dazu auf Basis Ihrer konkreten Einbausituation, nicht nach Schema F.

Welches GFK-Fertigungsverfahren passt zu welcher Anwendung?
Damit Sie den Überblick behalten, hier die Verfahren im direkten Vergleich:
| Verfahren | Stückzahl | Geometrie | Oberfläche | Typische Bauteile |
| Pultrusion | mittel bis hoch | gerader, gleicher Querschnitt | ein Profilbild | Träger, Profile, Gitterroste, Treppen |
| Handlaminieren | gering | nahezu frei, auch sehr groß | eine glatte Seite | Behälter, Sonderteile, Bootsrümpfe |
| Faserspritzen | gering bis mittel | einfach | eine glatte Seite | Wannen, Abdeckungen, Gehäuse |
| Faserwickeln | gering bis mittel | rund, rotationssymmetrisch | glatt außen | Rohre, Tanks, Druckbehälter |
| RTM / Infusion | mittel bis hoch | auch komplex | beidseitig glatt | Serienformteile, Verkleidungen |
Eine kleine Faustregel hilft beim ersten Sortieren: Je höher die Stückzahl und je gerader das Profil, desto eher Pultrusion. Je individueller und größer das Einzelteil, desto eher Handlaminat.
Woran erkennen Sie eine hochwertige GFK-Fertigung?
Am Ende zählt nicht das schönste Datenblatt, sondern das Bauteil, das im Einsatz hält. Worauf können Sie achten?
- Passende Verfahrenswahl: Ein tragendes Profil gehört pultrudiert und nach EN 13706 klassifiziert, nicht zusammengespritzt.
- Belegte Qualität: Ein Qualitätsmanagement nach DIN EN ISO 9001 und unabhängige Prüfungen zeigen, dass die Fertigung reproduzierbar gute Ergebnisse liefert.
- Beratung statt Katalog: Ein verlässlicher Partner fragt zuerst nach Last, Umgebung und Einbausituation und wählt dann das Verfahren.
Und genau hier kommen wir ins Spiel. Die KBM GmbH verarbeitet GFK seit über 25 Jahren und begleitet Sie von der Planung über die Konstruktion bis zur Montage. Ob pultrudierte Konstruktionsprofile, Gitterroste, Treppen oder eine echte Sonderanfertigung: Wir wählen das Verfahren, das zu Ihrer Anwendung passt, statt mit Lösungen von der Stange zu arbeiten. Sie haben ein Projekt im Kopf? Dann lassen Sie uns darüber sprechen.
Häufige Fragen zu GFK-Fertigungsverfahren
Wie wird GFK hergestellt?
GFK entsteht aus Glasfasern und einem Kunstharz, die zu einem Verbund zusammengeführt und ausgehärtet werden. Je nach Bauteil kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz, etwa die Pultrusion für tragende Profile oder das Handlaminieren für Einzelstücke.
Was ist das Pultrusionsverfahren?
Die Pultrusion ist ein kontinuierliches Verfahren, bei dem harzgetränkte Fasern durch ein beheiztes Werkzeug gezogen und zu einem Profil mit gleichbleibendem Querschnitt ausgehärtet werden. Sie ist der Standard für tragende GFK-Profile.
Welches GFK-Verfahren ist das stabilste?
Für tragende Bauteile liefert die Pultrusion die höchste Festigkeit, weil endlose Fasern gezielt in Lastrichtung liegen. Für runde Druckbehälter ist das Faserwickeln im Vorteil.
Was bedeutet die Norm EN 13706?
Die EN 13706 legt für tragende pultrudierte GFK-Profile Mindestanforderungen an Festigkeit, Steifigkeit und Oberfläche fest. Sie unterscheidet die Klassen E23 (höchste Anforderungen) und E17.
Ist GFK wirklich stärker als Stahl?
Bezogen auf das Gewicht ja. GFK wiegt nur rund ein Viertel von Stahl und erreicht bei gerichteten Fasern eine sehr hohe gewichtsspezifische Festigkeit. Absolut betrachtet hängt es vom Profil und vom Verfahren ab.
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